Spastik nach Schlaganfall lösen: Therapie, Medikamente & Risiken

Spastik bei Lähmungen nach Schlaganfall sind eine typische Langzeitfolge und erfordern verschiedene Therapie eingriffe um die Muskelspastik zu lösen. Wenn man die typische Hemispastik nach Schlaganfall nicht erfolgreich behandelt, egal ob nach Hirninfarkt oder Hirnblutung, besteht die Gefahr von Langzeitschäden wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Gelenksverkalkungen. Egal ob Physiotherapie oder Medikamente wie Lioresal (Baclofen) oder Botox Injektionen, alles hilft beim lebenslangen Kampf gegen Spastik.

Wie äußert sich eine Spastik?

Der Begriff Spastik kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Krampf“. Durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), welches sich aus Gehirn und Rückenmark zusammensetzt, kommt es zu einer krankhaften Erhöhung der Muskelspannung (Muskeltonus). Dadurch kommt es zu einer sogenannten spastischen Lähmung, also eine Bewegungseinschränkung beziehungsweise eine Muskelspannung der beeinträchtigten Muskelgruppen. 

Zu den häufigsten Ursachen zählt neben einem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma auch chronische neurologische Störungen. Dazu zählen zum Beispiel Multiple Sklerose, Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung), Myelitis (Rückenmarkentzündung), Hirntumore oder frühkindliche Hirnschädigungen.

Für die Therapie der Spastik ist es sehr wichtig die Grunderkrankung genau zu diagnostizieren, denn Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern nur ein Symptom. Je nachdem ob nur einzelne Muskeln oder ganze Körperbereiche betroffen sind, unterscheide man zwischen generalisierten oder segmentaler Spastik. Beim generalisierten sind alle Gliedmaßen gelähmt, während die segmentale oder fokale lokal begrenzt ist. 

Verteilungsmuster der Spastik.

Je nach betroffenen Körperregionen werden bei Spastik drei Verteilungsmuster unterschieden:

  • Hemispastik: eine Halbseite, egal ob rechts oder links, ist betroffen
  • Paraspastik: beide Beine sind betroffen (typisch für Querschnittsymptomatik)
  • Tetraspastik: alle vier Extremitäten sind betroffen (typisch bei schwerem Schädlehirntrauma)

Eine spastische Lähmung kann sich von Patient zu Patient unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Beispielsweise kann eine spastische Bewegungsstörung mit einer leichten Muskelsteifigkeit bis hin zu einer dauerhaften Muskelverkrampfung einhergehen. Dies kann auch zu einer schmerzhaften Körperhaltung führen. Dadurch wird auch die Lebensqualität der Menschen mit dieser Erkrankung stark eingeschränkt. 

Der Ausmaß der Symptome und auch welcher Muskel beziehungsweise welche Gliedmaßen betroffen sind hängt davon ab, welcher Bereich im Gehirn oder Rückenmark beschädigt wurde. 

Häufigkeit der Spastik als Langzeit Symptom bei Schlaganfall

Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie leiden ca. 250.000 Menschen pro Jahr an einem Schlaganfall in Deutschland. Davon kommt es bei 1/4 aller Patienten zur Entwicklung einer Spastik. Eine derartige spastische Lähmung tretet in der Regeln nach wenigen Wochen oder nach drei bis sechs Monate nach einem Schlaganfall auf und begleiten bei bleibender Lähmung den Betroffenen ein Leben lang.

Typische Spastik nach Schlaganfall in der Hand und Fuß

Ein ischämischer Schlaganfall führt zur Verstopfung von Blutgefäßen im Gehirn. Dadurch kommt es zur Minderversorgung der jeweiligen Bereiche des Gehirns. Eine derartige Schädigung des Gehirns führt zum Absterben der Gehirnzellen (Neurone) und somit zur Schädigung des ZNS. Wenn die Bewegungsbahn (Pyramidenbahn) im ersten Verschaltungskreislauf betroffen ist (erstes Motorneuron), entsteht auf der Gegenseite der Schädigung eine Lähmung und darauffolgend eine Spastik.

Die typische Spastik infolge eines Schlaganfalls ist eine Halbseitenspastik. Die häufigste Form ist eine armbetonte Hemispastik mit Beugung in den Fingern sowie Ellbogen sowie innenrotierter Schulter. Beim betroffenen Arm kommt es zur Versteifung der Ellenbogen und Hände. Diese Hand- und Armhaltung sieht einerseits sehr unnatürlich aus und schränkt andererseits die Betroffenen stark im Alltag ein. Das Greifen oder Halten von Gegenstände sind erschwert oder unmöglich. 

Spastik der Hand und des Armes nach Schlaganfall.
Spastikstellungen des Armes und der Hand | spastikinfo.de Copyright © 2017 Merz

Sind die Beine betroffen, dann kommt es zur typischen Spitzfuß-Stellung. Dies führt zu einer Gehstörung, wobei ein Bein nachgezogen werden muss.  Das Gangbild wird nach dem Erstbeschreiber Wernicke-Gangbild genannt. Dabei wird das Bein in einer Halbkreisbewegung nach Außen geführt, weil ein Abrollen des Fußes über die Ferse nicht möglich ist.

Typisches Wernicke Gangbild bei Hemispastik

Folgen der Spastizität bei einer Lähmung

Spastik bzw. spastische Lähmungen können unterschiedlich schwere Folgen haben. Im Grunde genommen kommt es zu einer Beeinträchtigung der Bewegungsausmaßes. Dies kann wiederum zu Schwierigkeiten im Alltag führen. Beispielsweise ist das Gehen ohne Fremd- oder Gehhilfe unmöglich. Auch die Selbstversorgung, wie das Anziehen von Kleidung oder Essen und Trinken, sehr erschwert oder sogar im frühen Stadium der Behandlung unmöglich. Auf Dauer kommt es zur Fehlstellung von Gelenken, zu Versteifungen und zu Schmerzen in den betroffenen Körperbereichen. 

All diese Faktoren können auch die Psyche der Betroffenen stark beeinflussen. Dies führt wiederum zu Folgeerkrankungen wie Depression, Motivationsverlust oder Rückzug im Leben. Daher sollte man auch hierfür eine professionelle Hilfe suchen und regelmäßig Physiotherpaie besuchen oder Übungen durchführen oder alle 3 Monate Botox Injektionen erhalten. 

Typische Langzeitfolgen und Risiken einer schlecht behandelten Spastik sind:

  • Schmerzen
  • Verkürzte Sehnen oder steife Gelenke mit weniger Bewegungsfreiheit
  • Gelenksschäden

Faktoren die eine Spastik nach einem Schlaganfall verschlechtern

Um eine die bestmögliche  Selbständigkeit zu bewahren oder Langzeitschäden zu vermeiden ist eine regelmäßige konservative sowie medikamentöse Therapie von Spastik wichtig. Eine mangelnde oder sogar fehlende Therapie führt immer zur Verschlechterung der Symptomatik.

Folgende Faktoren verschlechtern eine Spastik kurzfristig:

  • Schmerzen: dadurch entsteht ein Teufelskreislauf
  • Infekte: egal ob Harnwegsinfekt, Lungenentzündung oder CoVid
  • psychische Anspannung oder Stress

nicht medikamentöse Behandlung der Spastik

Bei einer bleibenden Lähmung (Parese oder Plegie) kann Spastik nicht komplett geheilt werden, jedoch gibt es unterschiedliche Therapiemöglichkeiten, womit eine bessere Lebensqualität für die betroffenen Patienten angestrebt wird. 

Physiotherapie

Mithilfe der Physiotherapie werden einerseits bestimmte Bewegungen, die im Alltag benötigt werden, geübt und verbessert. Andererseits lindert man Muskelanspannungen, die nach einer Spastik auftreten, indem man regelmäßig Dehnübungen durchführt. Aber nicht nur gelähmte Muskeln werden dadurch therapiert, sondern auch gesunde Muskelbereiche werden dadurch verstärkt. 

Außerdem werden richtige Bewegungsmuster angelernt um Gelenksabnützungen vorzubeugen oder der Bewegungsausmaß durch den Einsatz der richtigen Muskeln erweitert.

Robotik

Jede Wiederholung zählt um eine Lähmung zu überwinden oder durch die volle „Range of Motion“ (Bewegungsfreiheit) einer Verkürzung der Sehnen und Muskulatur entgegen zu wirken.

Bei der Robotik Therapie wird durch computergesteuerte elektromechanische Trainingsrobotern Bewegungen, die nicht mehr alleine ausgeführt werden können, mit einer hohen Wiederholungsanzahl geübt.  Die Intensität und Anzahl der Bewegungsabläufe ist höher als bei der Physiotherpaie, jedoch darf die Qualität der Bewegung darunter nicht leiden.

Ein weiterer Vorteil davon ist, dass man bereits in einem frühen Stadium mit der Therapie beginnen kann. Durch wiederholte Bewegungsabläufe, die gezielt und intensiv trainiert werden, wird das motorische Lernen gefördert und die neurologische Rehabilitation beschleunigt. Umso weniger Lähmung ein Patient hat, umso weniger Spastik.

„Constraint-induced movement therapy“ (CIMT) (Bewegungsinduktionstherapie)

CIMT ist eine Therapieform, die der Ergotherapie zugeordnet wird. Bei Patienten, die an einem Schlaganfall erleiden, kommt es dazu, dass sie die betroffenen Muskeln nicht mehr benutzen, weil die Bewegung mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist. Mithilfe der CIMT-Methode werden die Patienten sozusagen gezwungen, das betroffene Arm intensiver zu bewegen, weil die gesunden Extremität für einen längeren Zeitraum aus dem Alltag durch z.B. Wegbinden genommen wird. Durch das ständige und intensive Benutzen der betroffenen Seite wird gelernt, die gelähmte Seite wieder einzusetzen. 

Medikamente gegen Spastizität

Die medikamentöse Behandlung einer Spastik beruht auf krampflösende Medikamente, sogenannte Antispastika. Dadurch werden Symptome, wie stärkere Anspannungen (spastische Krämpfe), Unbeweglichkeit, unwillkürliche Bewegungen und Schmerzen, verbessert oder sogar verhindert. 

Botulinumtoxin

Die medikamentöse Therapie mit Botolinumtoxin spielt vor allem bei der segmentalen  bzw. fokalen Spastik eine sehr wichtige Rolle, da es nur eine lokal begrenzte Wirkung hat. Botolinumtoxin wird nach individueller Anpassung der Dosis nach Spannungs- und Funktionszustand genau in den betroffenen Muskel injiziert (intramuskulär). Nach wenigen Tagen kommt es zur Entspannung der jeweiligen Muskeln und zur Verbesserung der Symptomatik. Doch da die Wirkung von Botolinumtoxin nicht dauerhaft anhält, muss man in bestimmten Abständen die Injektion wiederholen. 

Lioresal

Orale Antispastika, wie beispielsweise Lioresal (orales Baclofen), können zwar zu einer Verbesserung der Symptomatik führen, entfalten jedoch auf allen Muskeln im Körper ihre Wirkung. Dies führt zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Muskelschwäche in gesunden Körpertielen oder eine verstärkte schlaffe Lähmung. 

intrathekales Baclofen

Durch einen chirurgischen Zugriff wird Baclofen mithilfe eines weichen Katheters in die Rückenmarksflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis), welches im sogenannten Intrathekalraum liegt, abgegeben. Zusätzlich wird eine programmierbare Pumpe unter die Bauchhaut implantiert, womit das Medikament sein Wirkungsort erreicht. Diese Therapieform wird nur bei schwerer Spastik mit Hemiparese oder Tetraparese Patienten in Betracht gezogen. 

Sirdalud (Tizanidin)

Sirdalud wird bei der Behandlung von spastischen Muskelspannungen in Folge von Multipler Sklerose oder Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks, aber auch bei peripher bedingten schmerzhaften Muskelverspannungen, eingesetzt. Die Wirkung ist begrenzt und macht oft Blutdruckabfälle oder Müdigkeit als Nebenwirkung.

Heilungschancen 

Durch nicht-medikamentöse oder medikamentöse Therapieverfahren kann man zwar die Lebensqualität der betroffenen verbessern und die Symptome, wie spastische Verkrampfungen in der Muskulatur, lindern und hemmen, jedoch ist eine vollständige Heilung der Spastik nicht möglich. Sehr wichtig hierbei ist die schnelle Erkennung und Behandlung der zugrunde liegenden Krankheit. 

Nur eine vollständig geheilte Lähmung kann keine Spastik entwickeln.

Folgen einer unbehandelten spastischen Muskulatur

Unbehandelt führt Spastik zu unwillkürlichen Kontraktionen bzw. Krämpfen in den betroffenen Muskeln und zu Schmerzen. Schmerzen wiederum haben einen schädigenden Rückkopplungseffekt auf die Muskelspannung und man endet in deinem Teufelskreis. Folglich kommt es zur Fehlhaltung der Extremitäten, Verkürzung der Muskeln und Versteifung der Gelenke. Bleibt die Therapie immer noch aus, so kommt es auf Dauer zu schmerzhaften Gelenkfehlstellungen und die Beweglichkeit wird vollständig beeinträchtigt.

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