Persönlichkeitsveränderung nach einem Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall kann ein Betroffener plötzlich ein anderer Mensch werden und Persönlichkeitsveränderungen zeigen. Wesensveränderungen, Reizbarkeit, Hypersexualität oder andere Veränderungen in der Persönlichkei lassen einen Menschen nicht mehr wiedererkennen. Egal ob Hirninfarkt oder Hirnblutung, gewisse durch einen Schlaganfall betroffene Hirnregionen begünstigen solche Persönlichkeitsveränderungen, die über eine Depression reichen. Das Schlimme für Angehörige ist, dass Schlaganfall Patienten selber diese Veränderungen oft nicht wahrhaben. Als Langzeitfolge ist die Persönlichkeitsstörung nach einem Schlaganfall die größte Belastung für Angehörige.

Ursachen für eine Persönlichkeitsveränderung nach einem Schlaganfall

Oft wirken mehrerer Faktoren, wie Schweregrad der neurologischen Ausfälle oder Persönlichkeitsstruktur vor dem Schlaganfall, auf die Art der Persönlichkeitsveränderung. Dennoch könne Gewisse Hirnregionen verschieden Änderungen im Verhalten begünstigen:

  • Stirnlappen (frontal): Persönlichkeit, Aufmerksamkeit, Planen und Organisation, Verhaltenskontrolle
  • Scheitellappen (parietal): Sprachverständnis und Gedanken sowie Emotionsausdruck
  • Schläfenlappen (temporal): Sprachverständnis, Gedächtnis und Organisation
  • Hinterhauptlappen (occipital): Aufnahme und Verarbeitung von Seheindrücken

Außerdem kann zwischen einem rechtshirnigen oder linkshirnigen Schlaganfall unterschieden werden:

  • Rechtshirnig: Verflachung der Gefühle mit wenig Empathie oder Sympathie, visuell-räumliche Fähigkeiten wie Orientierung und räumliche Wahrnehmung
  • Linkshirnig: Kreativität und insbesondere Sprachverarbeitung, wenig Persönlichkeitsveränderung

Neben diesen hirnbezogenen Ursachen gibt es auch psychische Belastungen, denen der Patient nach einem Schlaganfall ausgesetzt ist. Unsicherheit über berufliche Zukunft oder selbstbestimmtes Leben alleine zu Hause belasten einen Patienten und können die Persönlichkeit verändern.

Dieser psychische Stress erhöht das Risiko nach einem Schlaganfall depressiv, ängstlich oder aggressiv zu werden. Ein Drittel aller Schlaganfall Patienten entwickeln eine Post Schlaganfall Depression (PSD), welche ebenfalls Auswirkungen auf die Persönlichkeit hat.

Langsame und stetige Verhaltensänderungen nach einem Schlaganfall könnten dagegen einfach eine Folge vom veränderten Lebensstils sein.

Häufigkeit

In einer Studie wurden über 200 Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen zum Verhalten des Betroffenen befragt. Während die Angehörigen merkten, dass der Patient die Gefühle anderer nicht mehr richtig einschätzen konnte und egoistischer dachten, nahmen die Patienten das nicht so wahr. Auch dachten die Patienten, dass sie gefährliche Situationen richtig einschätzen können, was ihre Angehörigen jedoch anders sahen. Diese Studie zeigt wie sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung signifikant unterscheiden kann.

Bis zu 40% der Schlaganfallbetroffenen zeigen Persönlichkeitsstörungen im Verlauf. Angststörungen kommen in 20% der Fälle nach einem Schlaganfall vor.

Symptome der Persönlichkeitsveränderung nach einem Schlaganfall

  • depressive Verstimmungen bis Depression
  • Distanzlosigkeit
  • Zurückgezogenheit
  • Reizbarkeit
  • Stimmungsschwankungen
  • Ungewöhnliches Verhalten
  • Impulsives und unangemessenes Verhalten
  • Sturheit
  • Aggression und Streitlust
  • Nachlässigkeit und Apathie
  • Egoismus
  • Kindliches Verhalten
  • Angststörungen

emotionale Labilität oder pseudobulbäre Affektstörung

Stimmungsschwankungen können von einer Schädigung des Gefühlszentrums des Gehirns herrühren, was zu einem Zustand führt der emotionale Labilität oder pseudobulbäre Affektstörung heißt. Der Betroffene hat dann unkontrollierbare emotionale Ausbrüche wie Lachen oder Weinen, selbst wenn die Situation nicht lustig oder traurig ist. Oft haben Patienten die an einer chronischeren Verkalkung der Hirngefäße leiden und damit schneller in ihrer Denkleistungen altern (vaskuläre Demenz) diese Persönlichkeitsstörung.

Anosognosie, fehlende Krankheitseinsicht

Eine Anosognosie ist das Nichterkennen der Krankheit deinen Selber betrifft. Patienten mit Anosognosie verhalten sich so, als ob sie von der eingetretenen Ausfällen nichts wüssten. Es scheint, als ob ihnen das Bewusstsein für ihre Erkrankung fehlt. Insbesondere Schlaganfallpatienten mit Schädigungen im Hinterhauptlappen (occipital) leiden an dieser Persönlichkeitsstörung.

Apathie

Die Apathie beschreibt eine Teilnahmslosigkeit, Gleichgültigkeit sowie Leidenschaftslosigkeit gegenüber Ereignissen, Personen und der Umwelt. Eine Apathie kann Ausdruck einer Depression sein, aber auch eine kurzfristige psychische Verstimmung aufgrund der Verzweiflung. Schlaganfälle im Stirnlappen (Frontalhirn) können aber auch eine Dauerhafte Apathie als Persönlichkeitsstörung verursachen.

Depression

Eine Post Schlaganfall Depression ist häufig und ein Drittel Schlaganfall Patienten leiden daran. Die Depression nach einem Schlaganfall kann bei fehlender Diagnose die Erholung stark beinträchtigen und erfordert eine erhöhte Achtsamkeit aller Beteiligten von medizinischem Personal bis Familie. HIER können sie mehr über die Post Schlaganfall Depression lesen.

Impulsives und unangemessenes Verhalten

Eine Schädigung des Frontalhirns kann oft impulsives und unangemessenes Verhalten auslösen. Im Frontalhirn wird die Reaktion auf Außenreize durch unsere Persönlichkeit gehemmt. Wenn diese Hemmung wegfällt, entsteht eine impulsive und unangemessene Persönlichkeitsstörung und der Betroffene kann sich nicht mehr an die gesellschaftlich akzeptierten Regeln halten und lässt seinen Emotionen freien Lauf.

Egoismus

Nach einem Schlaganfall kann der rechte supramarginale Gyrus, Eine Großhirnfurche am Übergang von Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptlappen, eine egoistische Persönlichkeitsstörung auslösen. Dabei geht die Fähigkeit der Empathie verloren, also die Möglichkeit die Gefühle anderer Menschen nachzuvollziehen.

Diagnose

Es gibt keine strukturierten Tests um eine Persönlichkeitsstörung nach einem Schlaganfall zu diagnostizieren. Ebenfalls gibt es keine Kriterien um zwischen einer Reaktion auf die äußeren Umstände (psychische Ursache) oder Persönlichkeitsstörung durch den Schlaganfall selber (organische Ursache) zu unterscheiden.

Psychiater und Psychologen können Anhand Beobachtung und Gespräche Persönlichkeitsstörungen erörtern und klassifizieren. Neuropsychologen sind ebenfalls ausgebildet Persönlichkeitsstörungen besser einzuteilen und kognitive Defizite aufzudecken.

Am wichtigsten sind jedoch die Rückmeldung von Therapeuten und Angehörigen um Persönlichkeitsstörungen zu entdecken und auch anhand vor dem Schlaganfall bestehenden Persönlichkeitszügen einzuteilen.

Demenz nach Schlaganfall

Patienten haben oft bereits vor einem Schlaganfall erste Anzeichen einer Demenz wie Vergesslichkeit oder Persönlichkeitsstörungen. Das Gehirn überbrückt meistens diese Störungen noch in der bekannten Umgebung der eigenen vier Wände. Ein rascher Ortswechsel und der Schlaganfall selber rauben viele mentale Reserven, sodass das Gedächtnis wie ein Kartenhaus plötzlich zusammenfällt. Dieses Phänomen nennt man „Grenzkompensation“.

Delir nach einem Schlaganfall

Als „Delirium“ (Delir, delirantes Syndrom oder Durchgangsyndrom) bezeichnet man eine plötzliche, aber rückbildungsfähige Bewusstseinsstörung. Ein Delir ist durch zeitliche und räumliche Desorientiertheit, Verwirrtheit und Halluzinationen gekennzeichnet. Die Ursache ist nicht genau geklärt, aber mehrere Faktoren wie Vorerkrankungen und der Schlaganfall selber verursachen diese Persönlichkeitsstörung. Es gibt widersprüchliche Daten zur Häufigkeit eines Delirs nach einem Schlaganfall die von 15% bis zu 45% reichen. Ein Delir bildet sich im Verlauf selbstständig zurück.

Therapie der Persönlichkeitsveränderung nach einem Schlaganfall

  • Medikamente wie Antipsychotika oder Antidepressiva
  • Psychotherapie
  • Positive Psychologie
  • Kognitive Rehabilitation
  • Meditation
  • Bewegung
  • Unterstützung durch die Familie

Prognose einer Persönlichkeitsveränderung nach einem Schlaganfall

Familie und Freunde nehmen emotionalen Veränderungen oft sehr schnell wahr – und zum Teil intensiver als die Betroffenen selbst. Ob die Betroffenen den Persönlichkeitswandel selbst bemerken ist individuell unterschiedlich und macht die Prognose schwierig. Wenn keine Einsicht beim Betroffenen besteht ist es schwierig mittel Gesprächstherapie, Ergotherapie oder neuropsychologischen Sitzungen einen Angriffspunkt für eine Persönlichkeitsveränderung zu finden.

Es gibt Antidepressiva und Psychotherapeutika die die Persönlichkeit hemmen oder etwas beeinflussen können. Jedoch sind diese Medikamente nur ein Teil einer erfolgreichen Therapie und bewirken keine Wunder.

Oft kann Reizung durch den Schlaganfall selber die Persönlichkeitsstörung für die subakute Zeit (Wochen bis wenige Monate) Ursache sein und die Persönlichkeitsveränderung heilt von selber aus.

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